Keiner kämpft um Deutschland

Posted on September 15, 2009 | Category: Politik | 1,876 Views

TV-Duell

© dpa - TV Duell 2009: Merkel gegen Steinmeier

Wann beginnt der Wahlkampf?
Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, sofern man dem Sprichwort Glauben schenkt. Da darf man sich, spätestens nach dem vergangenen Sonntag, doch fragen, wie lange es noch dauert, bis für Deutschland dieser Zeitpunkt eintritt und die Hoffnung gänzlich der Vergangenheit angehört. Millionen Menschen fieberten dem “TV-Duell: Merkel gegen Steinmeier” entgegen, war der Wahlkampf bisher doch so “schlecht” wie schon lange nicht mehr. Die Kandidaten setzten auf eine Füße-stillhalten-Politik und halten auch weiterhin, wen wunderts, an dieser Politik fest. Und genau das Gegenteil sollte durch dieses TV-Duell eigentlich bezweckt werden. Den Kanzlerkandidaten wurde mit diesem Duell eine Bühne gestellt, auf der sie den Konkurrenten im direkten Schlagabtausch vor ganz Deutschland hätten in den Schatten stellen können. Ganz Deutschland wartete an diesem Abend genau darauf, auf den Beginn des Wahlkampfes. Aber nachdem was sich dort bot, muss man schon wirklich überlegen, das Wort “Wahlkampf” in irgendeiner Form abzuändern, denn ein “Kampf” sieht wahrlich anders aus. Bewiesen haben Merkel und Steinmeier wieder einmal nur das typische Politikerklische: Sie können reden ohne wirklich etwas damit auszusagen. Sie kommen beide selten bis gar nicht auf den Punkt und reden eigentlich nur um den heissen Brei herum, jedenfalls zum größten Teil. Aber es geht ja nicht nur darum, was man von sich gibt, sondern auch darum, wie man sich präsentiert. Viel zu sagen gibt es in diesem Punkt allerdings nicht und so möchte ich einfach ein Zitat von der zeit.de-Website bringen. In einer Gastkolumne schreibt die kalifornische Interview-Trainerin Gayl Murphy, es “sah eher so aus, als würden zwei Autoren auf einer Bibliothekars-Tagung um einen Literaturpreis wetteifern, als dass zwei altgediente Politiker um das wichtigste politische Amt im Land kämpfen” (“Frau Merkel sollte Rosa tragen” von Gayl Murphy).

Schlechte Grundlage
Die Idee eines TV-Duells ist auf jeden Fall eine gute. Ganz Deutschland kann ihre Politiker im direkten Vergleich sehen und sich ein Bild machen, wie sie auf die momentan wichtigsten Ereignisse nationaler und internationaler Politik reagieren ohne sich vorher dreimal mit ihren Beratern darüber zu unterhalten. Doch hat es wirklich Sinn, ein “Duell” ohne wirklichen Gegner zu veranstalten? Immerhin liegen vier Jahre der Zusammenarbeit hinter Merkel und Steinmeier. Keiner der beiden konnte den anderen in irgendeiner Form für seine Politik in den letzten Jahren angreifen, sodass zum Leidtragen der Zuschauer immer wieder auf die Zeit von Rot-Grün zurückgegriffen wurde. Und das interessiert zum jetztigen Zeitpunkt wirklich niemanden mehr! Wie schlecht die Voraussetzungen für dieses TV-Duell waren, machte auch Guido Westerwelle deutlich. “Ein Fernsehduell ohne Opposition ist wie ein Fußballspiel ohne zweite Mannschaft. Es funktioniert eben nicht, wenn in der Demokratie die Opposition ausgesperrt wird.” Auch wenn es mehr oder minder ein “Selbstgespräch” war, wie Westerwelle das TV-Duell weiterhin bezeichnet, blieben trotzdem Möglichkeiten ungenutzt, sich dem Land vernünftig zu präsentieren und mit den richtigen Punkten aufzuwarten.

Wichtige Themen bleiben offen
Trotz der zahlreichen Gesprächsthemen wurden wichtige Gesprächsthemen außen vor gelassen. In den 90 Minuten, die das TV-Duell gedauert hat, wurde das Thema Bildung und Forschung in Deutschland nur knapp angeschnitten - viel zu wenig. Merkel hat es lediglich im abschließenden Plädoyer erwähnt. Es wurde nicht diskutiert, ob und wieviel in Zukunft in die Ausbildungsstätten des Landes investiert werden soll. Ohne Bildung kommt das Land nicht voran, das sollte eigentlich allen klar sein. Es ist unverständlich, dass ein solch wichtiges Thema, dass für die Zukunft unserer Bevölkerung von großer Wichtigkeit ist, nicht richtig ausgesprochen wird. Genau dann, wenn Millionen Menschen, die sich höhst wahrscheinlich nicht alle jedes Wahlprogramm bis auf das kleinste Detail durchlesen, zur gleichen Zeit erreichbar sind, muss doch sowas kommen. Mit ARD, ZDF, RTL und SAT1 haben gleich vier Sender die Debatte übertragen! Viele Menschen, vor allem Eltern, dürften vorwiegend wegen diesem Programmpunkt eingeschaltet haben, weil sie wissen wollten, was für die Ausbildung ihrer Kinder zukünftig geplant ist. Auch wenn meist nicht gehalten wird, was Politiker im Vorfeld versprechen, damit hätte man sich Wähler sichern können. Eine von wenigen sicheren Chancen, die vergeben wurden. Ob sich Merkel und Steinmeier fragen, warum die Piratenpartei in jüngster Vergangenheit so viel Zuwachs erlangen konnte? Die Piraten haben einen Fokus gesetzt, vielleicht etwas zu stark, aber es wird Jugendarbeit geleistet. Vorreiter ist ganz klar Jörg Tauss, der den Mut hatte, sich für die Jugendkultur, für das Computerzeitalter auszusprechen. Computerspiele sind Teil der Jugendkultur, das ist schlichtweg Fakt! Aber wenn man sich nicht um die Jugend kümmert, kann man das ja auch nicht wissen. Speziell in diesem Punkt reden die Politiker, ohne sich über die Materie informiert zu haben. Es ist auch viel einfacher, alles abzublocken, als offen für Neues zu sein. Es wäre ja schließlich “Veränderung”, nicht wahr?

Wie gewinnt man die Masse?
Dass der Wahlkampf in den USA eine große Show ist, steht wohl nicht zur Debatte, aber der Erfolg spricht für sich. Dort wurden die Anwärter auf das Präsidentenamt bei ihren Auftritten wie Stars gefeiert. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wurde ein richtiger Wahlkampf ausgetragen, da wurde um die Krone gekämpft - zumindest nach außen hin. Obama und McCain haben um jede einzelne Stimme gekämpft, beide haben gezeigt, dass sie das Amt wirklich wollten. Sie haben die Masse begeistert, ein revolutionärer Wahlkampf. Gerade wenn man sowas erst kürzlich gesehen hat, sowas miterlebt hat und sich vielleicht von der Euphorie auch hat mitreißen lassen, dann sollte man wissen, wie man seinen Wahlkampf gestalten muss, um die Massen zu begeistern. Dass Merkel keine Persönlichkeit ist, die so aus sich raus geht, wie es ein Obama getan hat, dürfte jedem klar sein. Aber wenn ein Frank-Walter Steinmeier auf die Frage, warum Angela Merkel nicht länger Kanzlerin sein soll “Weil es eine bessere Alternative gibt, nämlich mich!” antwortet, dann darf man als Wähler erwarten, dass er das auch vernünftig begründet. Man erwartet, dass was passiert! Die Situation der Länder USA und Deutschland während dem Wahlkampf ist wahrlich nicht die selbe. Merkel ist keineswegs mit dem Horrorpräsident Bush gleichzusetzen. Aber trotzdem gibt es eine Menge zu tun in Deutschland und auch wir schreien, genau wie die USA zuvor, nach Veränderung. Obama hat genau mit diesem Schlüsselwort seine Wahl gewonnen, “Change”, Veränderung! Es geht darum, etwas zu bewegen und genau das erwartet man von den Führungskräften seines Landes. Genau das muss man im Wahlkampf zum Ausdruck bringen, man muss den Wählern das versprechen, was sie hören wollen. Egal, ob Obama das Umsetzen kann, was er gesagt hat oder nicht, er hat die Wahl gewonnen! Wer die Wahl in Deutschland gewinnt, wird sich am 27. September entscheiden. Eine höhere Wahlbeteiligung zu erwarten, wäre nach diesem “TV-Duell” und vor allem nach diesem “Wahlkampf” allerdings alles andere als realitätsnah.

YouTube: Westerwelle zum TV-Duell

» Filed Under Politik

6 Responses to “Keiner kämpft um Deutschland”

  1. hucath Says:

    das war wirklich kein duell, hab es mir notgedrungend angesehn

  2. Sune Says:

    Schade, dass du nicht mehr die Jugendkultur Computerspiele eingegangen bist, ansonsten gute Artikel. Das war kein Duell und es war wirklich langweilig, hat nichts geändert!

  3. benni Says:

    Wer das TV-Duell verpasst hat, kann es sich hier noch einmal ansehen.

  4. Nick Says:

    du hast schon recht, das war kein wahlkampf… speziell nach dem was wir in amerika gesehn haben, entäuscht deutschland mal wieder total. aber was sollen wir machen? cdu und spd sind nunmal leider die größten parteien, eine von beiden wird zwangsläufig an der spitze stehen!

  5. steven Says:

    Steinmeier war mir in seiner Art des Redens tierisch unsympathisch! Merkel wirkte ziemlich nervös und das nach 4 Jahren Amtserfahrung? Irgendwie etwas seltsam das Ganze!

    p.s. könntest du die Quelle vom Westerwelle-Zitat noch posten? Wäre nett, danke!

  6. mOd Says:

    Traurig mit an zu sehen.
    Den Politiker scheint vieles egal zu sein. Wollen sie die Augen verschliessen, vor dem was wichtig ist.

Leave a Reply

Copyright © 2005 - 2009. All Rights Reserved | Design: YGoY